Vogelstimmen im Morgengrauen – eindrucksvolle Naturerlebnisse vor der Schultür
Eigentlich beginnt das große Konzert der Vögel noch früher. Doch auch um 7:30 Uhr entfaltet sich eine beeindruckende Klangkulisse, als sich eine kleine, interessierte Gruppe im Umfeld des Geschwister-Scholl-Gymnasiums zur Vogelexkursion aufmacht. Unter den Teilnehmenden sind Schülerinnen und Schüler, Eltern sowie Lehrkräfte, begleitet von Dr. Peter Mullen, der gemeinsam mit seiner Familie vor Ort ist. Was für viele wie ein vielstimmiges Zwitschern klingt, wird unter fachkundiger Anleitung zu einem lebendigen Lehrstück heimischer Artenvielfalt.
Zilpzalp, Heckenbraunelle, Kohlmeise, Mönchsgrasmücke, Zaunkönig, Ringeltaube, Mäusebussard, Rabenkrähe oder Buntspecht – Peter Mullen erkennt sie treffsicher an ihren Stimmen, oft lange bevor ein Fernglas zum Einsatz kommt. Der promovierte Ornithologe vermittelt dabei weit mehr als bloße Bestimmungshilfen. Mit aktuellen Forschungserkenntnissen und anschaulichen Beispielen öffnet er den Blick und Ohren für die verborgenen Facetten der Vogelwelt. So erfahren die Teilnehmenden etwa, dass längst nicht nur die Männchen singen – auch Weibchen beteiligen sich am Reviergesang.
Digitale Unterstützung ergänzt das Naturerlebnis: Die Vogel-Erkennungs-App bestätigt die gehörten Arten in Echtzeit. Vogelgesänge werden direkt mit dem Smartphone aufgenommen und automatisch bestimmt – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie Technik und Naturbeobachtung sinnvoll ineinandergreifen. Gerade für jüngere Teilnehmende wird die Exkursion dadurch besonders zugänglich. Fünftklässler Henry etwa interessiert sich vor allem für den Eisvogel und nutzt die Gelegenheit, gezielt nachzufragen.
Den Experten kennt er bereits aus dem Unterricht. In einer eigens gestalteten „Vogelstunde“ hatte Peter Mullen die 5. Klasse an die Kunst der Vogelbestimmung herangeführt. Dabei ging es nicht nur um das Erkennen von Stimmen und typischen Merkmalen, sondern auch um faszinierende Zusammenhänge aus der Vogelwelt: So ähnelt der Kuckuck in Färbung und Gestalt einem Sperber – ein raffinierter Vorteil für den Brutparasiten, da er andere Vögel kurzzeitig in Alarm versetzt und so ungestört seine Eier in fremde Nester legen kann. Ebenso erfuhren die Schülerinnen und Schüler, weshalb Paradiesvogelfedern einst als kostbarer Schmuck für Damenhüte begehrt waren und warum der Eichelhäher als „Polizist des Waldes“ gilt, da er mit seinen durchdringenden Warnrufen andere Tiere frühzeitig vor Gefahren warnt.
Geduldig und mit spürbarer Begeisterung ging Mullen auf jede Frage ein – und traf damit genau das große Interesse der Kinder.
Anschaulich wurde der Unterricht durch besondere Exponate, darunter die Feder des Argusfasan. Deren auffälligen, dreidimensionalen Augenflecken erfüllen eine klare Funktion: Bei der Balz entfaltet das Männchen ein beeindruckendes Rad, das Weibchen beeindruckt und Rivalen abschreckt – ein eindrucksvolles Beispiel für die Besonderheiten natürlicher Anpassung.
Doch Peter Mullen wirkt nicht nur im Unterricht und im Gelände. Als Inhaber der Sunbird Images zählt er zu den Innovatoren der Region. Gemeinsam mit dem NABU entstand 2019 eine intuitiv bedienbare Vogel-Erkennungs-App, die zunächst auf sichtbaren Merkmalen basiert und durch Zusatzfunktionen erweitert werden kann – etwa zur automatischen Bestimmung von Stimmen, zur Analyse von Verhalten oder zur Darstellung von Vogeleiern. Der Erfolg ist beachtlich: Innerhalb der ersten Jahre wurde die NABU-Vogelwelt-App mehrere Millionen Mal heruntergeladen.
Aufbauend auf diesem Erfolg folgte mit „Das NABU-Vogelbuch“ ein umfangreich bebildertes Bestimmungswerk, das 315 heimische Arten vorstellt. Herausgegeben vom KOSMOS Verlag in Kooperation mit dem NABU und Sunbird Images, hat sich das Werk inzwischen auch auf den Bestsellerlisten für Naturführer etabliert – ein ungewöhnlicher Weg, denn hier stand zunächst die App im Mittelpunkt und erst danach das Buch.
Ein nachhaltiger Gewinn für den Unterricht: Peter Mullen stellte die Anwendungen auf den iPads im NaWi-Bereich zur Verfügung. So wird aus theoretischem Wissen gelebte Praxis – im Klassenzimmer ebenso wie draußen in der Natur.
Die Exkursion zeigt eindrucksvoll, wie Lernen heute gelingen kann: durch unmittelbare Erfahrung, fundierte Expertise und den gezielten Einsatz digitaler Werkzeuge.
